Die jüngste ETH-Verkaufskampagne der Ethereum Foundation hat eine Debatte wieder entfacht, von der viele Händler dachten, sie sei bereits geklärt. Am 8. April kündigte die Stiftung an, 5.000 ETH über die TWAP‑Funktion von CoW Swap in Stablecoins zu konvertieren – ein Werkzeug, das einen großen Trade über die Zeit in kleinere Stücke zerlegt, um die Marktauswirkung zu reduzieren. Dieser Schritt machte eines klar: Die Treasury‑Strategie der Ethereum Foundation hängt weiterhin davon ab, ETH zu verkaufen, wenn Liquidität benötigt wird.
Monate lang glaubte ein Teil des Marktes das Gegenteil. Nachdem die Stiftung ihre Treasury‑Vermögenswerte in DeFi verlagert, gegen ETH‑Sicherheiten geliehen und später einen umfangreichen Staking‑Plan gestartet hatte, dachten viele Investoren, dass der Verkaufsdruck der Ethereum Foundation nachlässt. Die Idee war einfach: Wenn die Stiftung Erträge aus Staking erwirtschaften und DeFi für Liquidität nutzen könnte, müsste sie vielleicht nicht mehr so viel ETH verkaufen.
Diese Einschätzung erweist sich jetzt als zu optimistisch.
Die Ethereum Foundation hatte ihre Ausrichtung bereits in ihrer Treasury‑Policy signalisiert. Die Richtlinie knüpft Ausgaben an einen Fiat‑Betriebspuffer, nicht an ein Versprechen, ETH um jeden Preis zu halten. Kurz gesagt: Die Stiftung benötigt immer noch liquide Reserven in stabilen Assets, um Grants, Forschung, Personal und andere Aufgaben zu finanzieren. Das bedeutet, dass Staking, Kreditaufnahme und ETH‑Verkäufe keine getrennten Ideen sind, sondern Bestandteile desselben Treasury‑Systems.
Der Zeitrahmen erklärt, warum die Verwirrung entstand. Im Februar 2025 erklärte die Stiftung, sie habe 45.000 ETH über DeFi‑Plattformen wie Spark, Aave und Compound verteilt. Im Mai 2025 lieh sie sich 2 Millionen $ in GHO gegen ihre Aave‑Position. Das war wichtig, weil es zeigte, dass die Ethereum Foundation DeFi nutzte, anstatt sofort Spot‑ETH zu verkaufen. Dann, am 24. Februar 2026, kündigte sie eine Staking‑Initiative rund um etwa 70.000 ETH an, bei der die Erträge zurück in die Treasury fließen. Anfang April 2026 war dieses Staking‑Ziel fast erreicht.
Doch die Verkäufe hörten nicht auf. Die Stiftung schloss Mitte März einen OTC‑Verkauf von 5.000 ETH ab und führte am 8. April die ETH‑Umwandlung in Stablecoins durch. Verkauf und Staking liefen gleichzeitig. Das ist bedeutsam, weil die Jahresrendite eines Staking‑Bündels von 70.000 ETH im Vergleich zum Ausgabenbedarf der Stiftung noch bescheiden ist. Bei einer Staking‑Rendite von etwa 2,7 % bis 3,0 % Anfang April würde dieses Bündel nur rund 1.900 bis 2.100 ETH pro Jahr erwirtschaften. Bei den aktuellen ETH‑Preisen ist das weit weniger als der Wert eines Verkaufs von 5.000 ETH.
Das ist der zentrale Punkt, den viele Privatanleger übersehen haben. Staking kann die Treasury‑Effizienz steigern, aber es kann die ETH‑Verkäufe bei den derzeitigen Renditen nicht vollständig ersetzen. Die Zahlen der Stiftung belegen das eindeutig. Allein die Grants im ersten Quartal 2025 beliefen sich auf 32,6 Millionen $, was deutlich über dem zu erwartenden Jahresertrag aus dem Staking von 70.000 ETH liegt. Sobald Forschungs-, Betriebs‑ und Personalkosten hinzugerechnet werden, vergrößert sich die Finanzierungslücke noch weiter.
Das bedeutet nicht, dass der Treasury‑Plan scheitert. Es bedeutet, dass der Plan wie vorgesehen funktioniert. Eine moderne Krypto‑Treasury stützt sich nicht auf einen einzigen Hebel, sondern auf mehrere. DeFi‑Kredite können kurzfristige Liquidität liefern, Staking erzeugt Erträge, TWAP‑Ausführungen und OTC‑Blöcke helfen, den Verkauf von ETH zu steuern, und Stablecoins halten operative Reserven mit weniger Volatilität als ETH. Zusammengenommen können diese Werkzeuge die Geschwindigkeit und das Volumen von ETH‑Verkäufen reduzieren, auch wenn sie sie nicht vollständig eliminieren.
Der zukünftige Pfad bleibt vom ETH‑Preis abhängig. Steigt Ethereum und die Stiftung hält die Ausgaben im Griff, könnte sie weniger Coins verkaufen und dennoch ihr Reservenziel erreichen. Schwächt sich ETH und bleiben die Ausgaben hoch, muss sie möglicherweise mehr ETH liquidieren, um ihre Laufzeit zu sichern. Das liegt daran, dass das Reservenziel in Fiat‑Werten gemessen wird, nicht in ETH. Fällt der Markt, kann die Geschichte vom „weniger Verkaufen“ schnell zusammenbrechen.
Die größere Lehre ist nicht, dass die Ethereum Foundation den Markt irreführte, sondern dass der Markt eine vereinfachte Geschichte konstruiert hat, die nicht zu den Fakten passte. Das Treasury‑Management der Ethereum Foundation drehte sich nie ausschließlich um Staking. Es war immer eine Mischung aus Staking, DeFi, Kreditaufnahme und periodischen ETH‑Verkäufen. Der Schritt vom 8. April änderte diese Strategie nicht, er machte sie nur schwerer zu ignorieren.